Eine Welle von Hirnhautentzündungen, die von gefährlichen Bakterien namens Meningokokken (Neisseria meningitidis) ausgeht, erfasst momentan Jugendliche und junge Erwachsene in mehreren Regionen im südenglischen Kent. Am 20. März 2026 sind zwei Todesfälle bekannt, zahlreiche weitere Menschen befinden sich in intensivmedizinischer Behandlung. Wir liefern Ihnen die wichtigsten Fragen und Antworten zu diesem Meningitisausbruch, der von manchen Expertinnen und Experten als »beispiellos« beschrieben wird.
Was ist in Kent passiert?
In der südenglischen Grafschaft Kent häufen sich im März 2026 die Meningitis-Fälle. Besonders betroffen ist die Stadt Canterbury; in einem örtlichen Nachtklub war es womöglich zu einem Superverbreitungsereignis (»Superspreader-Event«) gekommen. Zwei junge Menschen – eine 21-jährige Studentin und eine 18-jährige Schülerin – sind bereits an den Folgen der Erkrankung gestorben. Das bestätigte die zuständige Regierungsbehörde, die UK Health Security Agency, am 16. März. Bis zum 20. März registrierte sie 18 nachgewiesene Fälle. Sie gehen auf krankheitsauslösende Bakterien namens Meningokokken zurück. 13 der Betroffenen haben sich mit der besonders gefährlichen Serogruppe B (MenB) infiziert. Es gibt elf weitere Verdachtsfälle, bei denen der Bakteriennachweis noch aussteht. Bis auf eine Erkrankte müssen alle Patientinnen und Patienten im Krankenhaus behandelt werden. Die britische Regierung hat aufgrund der Vorfälle eine dringende Warnung für die öffentliche Gesundheit ausgesprochen.
Ist ein solcher Ausbruch ungewöhnlich?
Der Meningokokkenausbruch in Kent ist gleich aus mehreren Gründen besonders. Einerseits gehen die Behörden aktuell davon aus, dass ein Großteil der Fälle auf ein einzelnes Superspreader-Event im Nachtklub »Club Chemistry« zwischen dem 5. und dem 7. März zurückgehen dürfte. Solche explosiven Infektionsgeschehen, bei denen eine einzelne Person in kurzer Zeit zahlreiche andere ansteckt, treten bei Meningokokken normalerweise nicht auf. In der Regel verbreiten sich die Keime nur durch enge Kontakte unter einigen wenigen Beteiligten. Es gab zwar auch in der Vergangenheit immer wieder Meningokokken-Ausbrüche. Sie zogen sich aber meistens über Wochen bis Monate hin, und der Keim sprang dabei mehrmals von jeweils unterschiedlichen Personen auf andere über. Darüber hinaus betrifft die Erkrankung vor allem Säuglinge. Eine Auswertung der CDC in den USA zeigt etwa, dass die Fallrate im ersten Lebensjahr ungefähr fünfmal höher als in jeder anderen Altersgruppe ist. In England sind nun fast ausschließlich Jugendliche und junge Erwachsene betroffen – eine Gruppe, die zwar ebenfalls ein erhöhtes Risiko für die Ansteckung trägt, aber in weitaus geringerem Maße als Neugeborene.
Wie steckt man sich an?
Üblicherweise verbreiten sich Meningokokken durch direkten Kontakt mit Flüssigkeiten aus dem Mund- und Rachenraum von Infizierten. Das heißt: Im Normalfall infiziert man sich etwa über Schmusen und das Teilen von Speisen und Getränken sowie von Utensilien wie Strohhalmen und Besteck. Eine Übertragung per Tröpfcheninfektion, zum Beispiel durch Husten oder Niesen, ist eher unwahrscheinlich. Bei dem aktuellen Fall in Kent kann man solche unüblichen Übertragungswege aber derzeit nicht ausschließen. Manche Fachleute halten es für möglich, dass die Erreger hier aus einem bislang unklaren Grund besonders potent sind.
Das Tückische an Meningokokken ist, dass die Infektion oft von gesunden Menschen ausgeht. Rund zehn Prozent der Bevölkerung trägt die Bakterien in sich, ohne Beschwerden zu entwickeln. Solche stillen Träger können die Keime jedoch an andere weitergeben, die in der Folge erkranken. Darüber hinaus können Betroffene schon bis zu sieben Tage vor dem Einsetzen ihrer Beschwerden ansteckend sein.
Das ist auch ein Grund, warum Teenager nach Neugeborenen die zweitgrößte Patientengruppe ausmachen: Jugendliche und junge Erwachsene treffen häufig neue Leute, und zwischen ihnen kommt es vergleichsweise oft zu engen und intensiven Kontakten. Den Meningokokken eröffnet das zahlreiche Chancen, auf neue Opfer überzuspringen.
Wie äußert sich eine Meningokokkeninfektion?
Viele Menschen fangen sich die Bakterien ein, ohne jemals Beschwerden zu entwickeln. Wenn die Krankheit ausbricht, tut sie das meistens drei bis vier Tage nach der Infektion. Es kann aber auch etwas kürzer (etwa 2 Tage) oder länger (bis zu 10 Tage) dauern, bis sie sich bemerkbar macht.
Eine Nahaufnahme einer Hautoberfläche mit zahlreichen kleinen, roten Pünktchen, die unregelmäßig verteilt sind.
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Petechien | Plötzlich auftretende kleine, rote Einblutungen in der Haut, wie sie in diesem Bild zu sehen sind, sollten Ihre Alarmglocken schrillen lassen. Um zu überprüfen, ob es sich dabei um die besorgniserregenden Petechien handelt, eignet sich der Drucktest: Dabei drückt man mit einem durchsichtigen Gegenstand, etwa einem Glas, gegen ein betroffenes Hautareal. Verblassen oder verschwinden die Punkte nicht, ist dies als Warnsignal zu werten. Bei heftigen und sich verschlechternden Krankheitsbeschwerden sollte man sich dann auf jeden Fall schnellstmöglich medizinische Hilfe suchen.
Betroffene zeigen sehr schnell Anzeichen einer Meningitis, also einer Hirnhautentzündung. Charakteristisch ist eine schmerzhafte Nackensteifigkeit, die sich verschlimmert, wenn man sich vorbeugt oder den Blick zum Boden richtet. Zugleich tritt eine Reihe neurologischer Symptome auf, die von starken Kopfschmerzen über Lichtempfindlichkeit und Verwirrtheit bis hin zu Krampfanfällen und Delir (Bewusstseinstrübung) sowie Bewegungsstörungen reichen kann. Die Körpertemperatur steigt meist rapide an und mündet in hohes Fieber. Patienten und Patientinnen fühlen sich mitunter schwer abgeschlagen. Manche müssen sich übergeben, ihre Gelenke und Muskeln bereiten ihnen starke Schmerzen.
Plötzlich und massenhaft auftretende kleine rote Einblutungen in der Haut, sogenannte Petechien, weisen auf eine Blutvergiftung hin. Um sie von anderen Ausschlägen abzugrenzen, gibt es einen Trick: Wenn man ein Glas fest auf die Haut drückt, verschwinden die Pünktchen nicht. Zusammen mit anderen Krankheitssymptomen ist das ein klares Warnsignal, das man keinesfalls ignorieren sollte. Denn eine Meningitis kann sehr schnell tödlich enden. Eine der Verstorbenen in Kent, Juliette Kenny, erlag der Krankheit nach Angaben ihres Vaters innerhalb weniger Stunden.
Nicht jeder entwickelt alle diese Krankheitszeichen. In der Regel tritt eine Kombination aus den genannten Beschwerden auf. Wenn man sich plötzlich schwer krank fühlt und einige der Symptome an sich bemerkt, sollte man sich schnellstmöglich an den Notruf oder die nächstgelegene Notaufnahme wenden. Denn bei Meningitis zählt im Ernstfall jede Minute.
Wie gefährlich sind Meningokokken?
Die Sorge vor einer Meningokokkeninfektion ist gerechtfertigt. Denn wenn sie in Meningitis mündet, endet die Krankheit in etwa einem von fünf Fällen tödlich. Erkrankte müssen im Normalfall intensivmedizinisch behandelt werden. Langzeitschäden infolge des Infekts treten oft auf. Ungefähr einer von drei Patienten lebt nach der Genesung mit dauerhaften Einschränkungen. Sie reichen von Hörverlust über Epilepsie bis hin zu neurologischen Funktionsverlusten und amputierten Gliedmaßen. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser sind die Chancen auf vollständige Erholung.
Wie behandelt man eine bakterielle Meningitis?
Eine Meningitis, die durch Meningokokken ausgelöst wird, lässt sich mit Antibiotika therapieren. Im Sinne einer schnellen Wirksamkeit werden die Mittel intravenös verabreicht. Dabei warten Ärztinnen und Ärzte nicht auf den Bakteriennachweis. Schon bei Verdacht auf Meningokokkenbefall setzen sie Breitbandantibiotika ein. Der Grund hierfür lautet, dass die Erkrankung sehr schnell lebensgefährlich werden kann und eine sofortige Behandlung die Überlebenschancen erhöht sowie das Risiko für Langzeitschäden senkt.
Wie kann man sich schützen?
Mittlerweile sind mehrere Impfstoffe erhältlich, die vor unterschiedlichen Meningokokken-Arten schützen. Sie richten sich jeweils gegen einen oder multiple Serotypen der Bakterien. Für die Erreger vom Serotyp B (MenB), die bei einem Großteil der Betroffenen in Kent identifiziert wurden, stehen aktuell zwei Vakzine zur Verfügung. In Deutschland kamen sie 2013 und 2017 auf den Markt. Seit 2024 empfiehlt die STIKO die Impfung gegen MenB für Säuglinge, da diese das größte Infektionsrisiko haben. Kleinkinder unter fünf Jahren sollten die Impfung ebenfalls nachholen. Für ältere Kinder im jungen Teenageralter rät die STIKO hingegen zur Immunisierung gegen die Serotypen A, C, W und Y.
Ein Fläschchen mit der Aufschrift „Meningococcal Polysaccharide Vaccine“ steht auf einem Tisch. Die Etikettierung zeigt, dass es sich um eine Einzeldosis für die Gruppen A, C, Y und W-135 handelt. Im Hintergrund sind eine Spritze, ein Stethoskop und ein Kugelschreiber auf einem Formular zu sehen.
In Großbritannien ist die Situation ähnlich, weshalb die meisten Jugendlichen noch nicht gegen MenB geimpft sind. Jungen Menschen in betroffenen Gebieten wird deshalb nun ein entsprechendes Vakzin angeboten. Vor der University of Kent kam es zeitweise zu langen Schlangen von Impfwilligen. Die Nachfrage war am 19. März so groß, dass zusätzliche Impfstoffe in die Region gesandt werden mussten.
Für Kontaktpersonen gibt es noch eine weitere Art der Infektionsvorsorge: Sie können von medizinischem Personal vorbeugend Antibiotika erhalten. Die Wirkstoffe wehren etwaige übertragene Meningokokken ab, bevor sie eine Meningitis auslösen. In der Regel erhalten nur Menschen solche Medikamente, die in den Tagen vor und nach Symptombeginn mit Erkrankten in Berührung gekommen sind. Wegen der außergewöhnlichen Lage wurden in Kent allerdings bis zum 20. März bereits knapp 10 000 Antibiotikadosen ausgegeben.
Gibt es noch andere Meningitiserreger?
Ja, neben Meningokokken gibt es mehrere weitere Erreger, die Hirnhautentzündungen bedingen können. Die Bakterien zählen eigentlich zu den seltenen Meningitiserregern – viel häufiger rufen Viren die Erkrankung hervor. Enteroviren (die oft Magen-Darm-Infekte auslösen), Mumpserreger, Herpesviren und die durch Zeckenstiche übertragenen FSME-Viren gehören zu dieser Gruppe. Virale Meningitis verläuft meistens milder als die bakteriellen Krankheitsformen, nach dem Ausbruch lässt sie sich jedoch kaum gezielt behandeln.
Unter den Bakterien kommen weiterhin Pneumokokken und Haemophilus influenzae als Erreger infrage. Zudem lösen manche Schimmelsporen sowie die »hirnfressende Amöbe« Naegleria fowleri gelegentlich Hirnhautentzündungen aus. Manchmal entsteht die Krankheit sogar ganz ohne erkennbare Infektion.
Muss man sich in Deutschland vor Meningokokken fürchten?
Meningokokken sind zwar generell gefährliche Krankheitsauslöser, die man nicht unterschätzen sollte. Doch der Ausbruch in England ist kein Grund, sie jetzt mehr als zuvor zu fürchten. Die Bakterien stecken nämlich nur hinter einem kleinen Anteil aller Hirnhautentzündungen. In Deutschland kommt es pro Jahr im Schnitt zu weniger als 500 Meningitiserkrankungen durch Meningokokken. Neugeborene sind am stärksten gefährdet, weshalb sie besonders von einer Impfung gegen die Keime profitieren. Ältere Erwachsene müssen sich hingegen kaum vor den Erregern ängstigen.
Das Infektionsgeschehen in Kent dürfte sich in den kommenden Tagen verlangsamen. Die Menschen, die sich Anfang März in dem Nachtklub in Canterbury angesteckt haben, müssten mittlerweile nahezu alle bekannt sein. Und falls der eine oder die andere die Keime an weitere Personen übertragen hat, haben diese wahrscheinlich bereits prophylaktisch Antibiotika sowie die Gelegenheit zur Impfung erhalten oder bekommen diese bald. Zudem dürfte das gestiegene mediale Interesse an der Infektion auch dazu beitragen, dass mehr Menschen sich der Krankheitszeichen und Gefahren bewusst sind. Betroffene werden sich nun hoffentlich schneller und zielgerichteter medizinische Hilfe suchen, wenn sie entsprechende Symptome an sich bemerken.